MACHT – Teil 1

I.

Es gibt Gedanken für den Tag und Gedanken für die Nacht. Solange der Himmel noch eine Farbe hat, denken die Menschen an Dinge, die sie voranbringen, die ihnen nutzen. An Geld. An E-Mails. An den nächsten Termin und an die Gurken, die sie nicht auf die Einkaufsliste geschrieben haben. Erst die Dunkelheit verzaubert unsere Welt. Der Kürbis wird zum Ball. Der Ball wird zum Gesicht. Gesichter werden Fratzen. Unsere Gedanken verwandeln sich in Träume. Wünsche und Fantasien scheuen das Licht, bloß meine, die tun das nicht. Ich gehöre zu denen, die Tag und Nacht wie in der Nacht denken. Das ist eine Schwäche. Oft irre ich durch die Gegend und starre ins Nichts, konzentriere mich auf Menschen, die nicht da sind, die nicht mehr leben, oder auf Gestalten, die niemals gelebt haben. So gerate ich in schmerzhafte Situationen. Im Sommer wurde ich von einem Auto angefahren, im Supermarkt rempelte ich ein Regal und im Schwimmbad ein kleines Mädchen. Neulich an der Bushaltestelle, da rannte ich sogar mit der Stirn gegen einen Masten. Die Fahrgäste klebten an den Scheiben und lachten mich aus.

Erst letzte Woche trottete ich wieder in Gedanken die Gasse vor meinem Haus hinab. Am Kopfsteinpflaster klebte eine Zeitung, auf der ein Mann im Krieg eine Schubkarre lenkte. Zwei tote Kinder lagen darin. Ihre Gesichter sah man nicht, ihre schwarzen Beinchen ragten aber steil hinaus. Ich erschrak bei diesem Anblick. Dann begann die Grübelei. Ich weiß noch, wie ich mich fragte, weshalb die Menschheit Kriege führt, weshalb sie Ruhe und Eintracht hasst, und weshalb sie aus viel immer vielmehr machen will. Als Antwort erhielt ich nur weitere Fragen, und weil ich ohne Lösungen leide – litt ich. Zur Ablenkung begann ich ein Spiel mit mir selbst. Ich zählte die Pflastersteine. Manche waren schön, manche zerfurcht, einige überragten die anderen, einige hatten sich gelockert und wieder andere fehlten oder lagen, halb von der Erde verschluckt, neben dem Weg. Die Nummer 91 zählte ich bereits, als ich den linken Fuß vor den rechten setzte, aber keinerlei Widerstand unter mir spürte. Wo war der Boden hin? Ich hatte das Gefühl, als stiege ich über eine Klippe. Um mich vor dem Sturz zu bewahren, hätte ich einen Ast oder eine andere Vorrichtung zum Festhalten benötigt. So aber fiel ich in eine schreckliche Ungewissheit.

Wenn man einen Aufprall mit Verletzungen erwartet, packt einen der Instinkt. Man schützt sich, indem man die Hände vor dem Gesicht verschränkt, sich krümmt und jede Faser Muskel anspannt. Auch ich verhielt mich in dieser Art, nur schlug ich nicht auf und prallte nirgendwo dagegen. Immer tiefer und tiefer fiel ich, indessen der Schwindel das Blut aus meinem Kopf saugte. Jede Sekunde erwartete ich meinen Tod, bald erhoffte ich ihn sogar. Obwohl ich rund um mich nichts erkannte, kniff ich die Augen zusammen, bis sie schmerzten. Plötzlich sah ich etwas – in mir. Eine Erinnerung. Noch eine. Die nächste. Mit Kurzzeitgedächtnis hatte das aber nichts zu tun, vielmehr waren es Erinnerungen, die ich so lange verdrängt hatte, dass sie mich mehr schockierten als der Sturz in diesen Brunnen ohne Boden. Nur Sünden sah ich, Sünden, die ich begangen hatte. Ich sah mich in der Grundschule, wie ich stahl und Kinder anspuckte, sah mich während meiner Jugend, wie ich meine erste Freundin an den Schultern festhielt und schüttelte, wie ich Drogen nahm und Raufereien anzettelte, sah mich beim Lügen und Betrügen, beim Neiden und Beleidigen und bei schlimmeren Abscheulichkeiten. Ich dachte, ich sei wertlos und eklig – ein Untermensch.

Ich hatte mich schon aufgegeben, da geschah etwas Merkwürdiges. In der Ferne erleuchtete inmitten der Schwärze ein klitzekleiner Punkt, ähnlich einem Glühwürmchen. Zunächst schien er weiß, bald strahlte er gelb. Er gab mir einen Kontrast; dank ihm begriff ich, mit welch sagenhafter Geschwindigkeit ich fiel. Aber fiel ich oder flog ich? Raste ich auf den Punkt zu, oder er auf mich? Der Punkt erschien mir als Kreis, bald als Kugel, und bald änderte diese Kugel noch einmal ihre Farbe. Sie wurde blau und grün und braun. Da erahnte ich, worum es sich bei diesem Objekt handelte.

War ich im Weltall? Und wenn ja, wie konnte das sein? Obwohl ich nicht steuern konnte, zog der blaue Ball mich an wie ein Magnet. Von Vakuum oder Schwerelosigkeit spürte ich nichts, vielmehr fühlte ich mich von einer Absicht oder einem fremdartigen Willen gelenkt. Ich begaffte die Kontinente und wunderte mich über ihre Form. Der eine sah aus wie Australien, die beiden anderen ähnelten sich, bloß schien der eine etwas dicker, der andere etwas länger. Ja, es bestand kein Zweifel mehr. Vor mir lag unsere Erde.

›Wo will ich am liebsten aufschlagen?‹, dachte ich, indem mein Blick zwischen der Antarktis und dem Kap der guten Hoffnung pendelte. ›Bloß nicht ins Meer! Nicht ins eiskalte Wasser! Untergehen und von Riesenviechern zersetzt werden, nein, das verdiene ich nicht! Bitte Gott, lass mich wenigstens am Land zerschellen!‹

Ohne Hitzeschild durchbrach ich die Atmosphäre meines Heimatplaneten. Dass ich weder Wärme noch Kälte empfand, wunderte mich zwar einen Augenblick, gleichsam quälten mich aber wichtigere Fragen. ›Wie lange habe ich noch? … Wie lange dauert ein Flugzeugabsturz? … Mal drei ergibt das … ‹ Ich wollte meine Daseinsreste nicht für solche Mutmaßungen verschwenden. Da mir nichts Besseres einfiel, zwang ich mich an alle Menschen zu denken, die ich lieb hatte, und die auch mich lieb hatten. Hatten die mich lieb?

Indessen tauchte ich in die Wolkenwatte. Regen, der noch nicht gefallen war, rann mir über Wangen und Arme, der Wind pfiff und ich sah Land unter mir. Jetzt wünschte ich mir, doch aufs Wasser aufzuschlagen. Dann wünschte ich mir, dass mich die Ohnmacht aus dem Leben riss, bevor es der Boden tat. Aber ich behielt mein Bewusstsein; mehr denn je war ich bei Sinnen und dachte immerzu an mein lächerliches Leben, und wie ich es nicht genutzt, sondern für falsche Ziele und Menschen vergeudet hatte.

Aus der Landkarte erhoben sich Wälder, Seen und Ebenen. ›Wo ist Gott?‹, dachte ich. ›Wird mir Petrus gleich öffnen, werde ich beim jüngsten Gericht beichten? Was wissen die über mich? Wissen die von meinen … Nein, das dürfen die nicht wissen! … Aber was, wenn nichts mehr ist? Nie wieder etwas? Nie wieder atmen, nie wieder sehen und riechen, nie wieder in meinem Bett erwachen, nie wieder eine Frau küssen!‹

Während ich mich mit diesen Dingen beschäftigte, verlangsamte sich wie durch Zauberhand mein Tempo. Boeing – Rennauto – Moped – spanische Wegschnecke. Zeitlupe. Ich schwebte wie ein stolzer Vogel oder ein Flaschengeist.

Keine fünfzig Meter trennten mich noch von der Oberfläche, da erkannte ich unter mir einen Baum. Mit seinem schiefen Stamm glich er der Birke aus meinem Garten. Und neben ihm verlief ein Pfad, der meiner Gasse ähnelte, in der ich doch vorhin in das Loch gefallen war. War ich zuhause? Ich verstand nichts mehr. Als meine Beine am Pfad aufsetzten, wackelten sie und kippten um. Da lag ich und keuchte und winselte.

Ich war am Leben! Ich jubelte! Lebte ich? Nach allen Seiten wandte ich den Kopf. Überall hielt ich Ausschau nach Autos und Beleuchtungen und Handymasten, natürlich nach Erdlingen. Doch rings um mich standen bloß weitere Bäume. Aus dem Boden ragten blühende Sträucher und Blumen, deren Farben meine Augen stachen wie das helle Sonnenlicht. All diese Pflanzen wirkten, als hätte sie noch nie jemand berührt. Ich stützte mich am Stamm der Birke ab und erhob mich. Zwei Blicke nach links, einer nach rechts, drei nach hinten, so torkelte ich den Pfad bergauf und suchte mein Haus. Stattdessen erreichte ich aber eine Wiese mit lila Blumen und grasenden Rehen und… – ich erschrak.

Menschen! Viele Menschen waren auf dieser Wiese. Sie saßen im Kreis. Gelächter. Umarmungen. Die Kinder tanzten Hand in Hand. Alle strahlten auf eine Weise, die ich bis dato noch nie gesehen hatte. Keiner schwieg. Keiner saß abseits. Alle trugen weite, schneeweiße Gewänder und sangen ein fröhliches Lied. Wie ein Chor aus Göttern klangen sie. Ich traute meinen Eindrücken nicht, und so drehte ich mich weg, schlug mir auf den Kopf, tat die Hände vor die Augen. Gerade als ich mich hinter einem Strauch verstecken wollte, entdeckte man mich. Nicht einer, sondern alle kamen. Einer von ihnen war aber doch der schnellste. Dieser Mann, sein Haar war dicht und schwarz, öffnete die Arme und ging direkt auf mich zu. Ich wollte fliehen, meine Beine blieben aber starr.

»Wir grüßen dich«, sagte dieses Wesen in meiner Sprache.

Er umarmte mich. Ich zitterte.

»Ja… Guten Tag«, sagte ich und winkte den anderen. »Ich … entschuldigen Sie … wie komme ich denn in die nächste Stadt?«

»Wie bitte?«, sagte er.

»Wo bin ich?«

»Du bist bei uns.«

»Und wer seid Ihr?«

»Wir sind wir.«

Ende des Gesprächs. Freundlichkeit ist nicht gleich Freundschaft, Umarmungen sind nicht gleich Liebe. Ich fürchtete mich vor seiner Stimme, genauer gesagt vor diesem herzlichen, fast heiligen Unterton. Ich haderte und stand stocksteif vor ihm – vor ihnen allen. Als er mir aber sagte, seine Familie sei überglücklich über meine Ankunft, da folgte ich ihm, und die anderen folgten mir.

Die Unbekannten empfingen mich wie einen Messias. Jeder umarmte und küsste und bestaunte mich, aber in diesem Staunen lagen weder Angst noch Misstrauen. Bald fiel mir auf, dass mir keiner eine Frage stellte. Also war ich es, der sich bei dieser Kommune erkundigte, wo ich hier war. Dreimal probierte ich das, jedes Mal erhielt ich aber dieselbe Antwort: »Bei uns.«

Sie führten mich in ihr Dorf. Die Dächer bestanden aus Stroh, die Wände aus einer Art Lehm, und auch sonst verwendeten sie nur natürliche Materialien. Nirgendwo sah ich Beton oder Metall. Als wir uns um einen Stein auf den Boden setzten, fragte ich meine Sitznachbarin: »Entschuldigen Sie, heißt dieser Planet: die Erde?« Sie beriet sich mit den anderen, und im Chor antworteten sie: »Erde ist uns nicht bekannt.«

Jetzt verstand ich, dass ich mich in einer Parallelwelt befinden musste. Die Bewohner dieses Planeten, die uns Menschen aufs Haar glichen, führten ein Leben ohne Komplikationen. Sie sprachen, lachten und kümmerten sich um ihre Kinder, aber Begriffe wie Geld, Land, Grenze, Verbrechen, Hass, Zorn und Wirtschaft kannten sie nicht. Sie aßen nur Pflanzen und Beeren, tranken nichts als Wasser aus dem See nebenan, sie stritten nicht, sie schlugen sich nicht, beneideten und beraubten einander niemals, führten keine Kriege, besaßen kein Geld und hatten keine Wünsche, nicht mal Wettbewerbe hatten die. Nacht für Nacht schliefen sie mit anderen Leuten in anderen Häusern, als bestimmte der Zufall, wer heute hier und wer morgen dort übernachtete. Die Natur behandelten sie mit Liebe und Sanftmut, und deshalb erschien sie mir bald als der schönere Zwilling unserer irdischen. Zudem teilten sie jeden Gegenstand. Alles gehörte jedem, aber nichts gehörte irgendwem. Kurz gesagt, es handelte sich um Wesen, die keine Sünden begangen, weil sie von der Sünde keinen Schimmer hatten. Anfangs war das schwer zu verstehen.

Tag für Tag erforschte ich meine neuen Freunde in allen Einzelheiten; so lernte ich ihre Gepflogenheiten und sang bald ihre Lieder. Ich mochte alle und wurde wie sie. Ich umarmte Frauen wie Männer, brachte ihre Kinder zu Bett und half ihnen beim Kochen und Feuermachen. Und alle, ohne Ausnahme, liebten auch mich wie einen Bruder.

Nach ein paar Wochen vermisste ich mein Auto und meinen Computer nicht mehr; meine einstigen Sorgen und Probleme verblassten in diesem Beisammensein, in dieser Harmonie ohne Ende. Ich verdrängte den Spott, die Bosheit und den Ehrgeiz; ich strebte nach nichts uns hasste niemanden, ich war zum ersten Mal in meinem Leben glücklich, ohne mich zu belügen. Eine Weile lebte ich so am Gipfel menschlicher Zufriedenheit. Aber schließlich wurde mir langweilig. Und dann habe ich dieses liebenswerte Volk von Grund auf verdorben.

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