MACHT – Teil 2

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II.

Hinter mir lagen also der Sturz in das schwarze Loch, die Landung am Zwilling der Erde und schließlich die Begegnung mit jenen Wesen, die des Menschen Aussehen besaßen, jedoch menschheitsfremd lebten. Nach einigen Wochen wurde mir ihre Liebenswürdigkeit so eintönig und fad, dass ich diesen Zustand nicht mehr ertrug. Ihre Lieder quälten meine Ohren, und für die netten Gesten empfand ich nichts als Abscheu. ›Was für Neandertaler!‹, dachte ich, und dann schwirrten mir zum ersten Mal revolutionäre Pläne durch die Fantasie. Der Tatendrang kitzelte mich in den Fingern. Und so beschloss ich, dieses Völkchen zu bekehren. Mich selbst sah ich dabei in der Rolle eines Kreuzritters.

Die Tugenden meiner Freunde, auch wenn ich sie angepriesen hatte, erschienen mir plötzlich wie Makel. Sollen sie in Harmonie leben – gut! Sollen sie sogar beim Sterben lächeln – okay! Was geht das aber alles mich an! Ich sah bloß noch Denkfehler und Schwächen, die sie daran hinderten, ihren fruchtbaren Planeten als Herrenrasse zu beherrschen. Eine Zeitlang rang der Christ mit dem Pionier in mir, aber eines Abends übermannte mich die Vorstellung, ich hätte hier einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Deshalb berief ich die erste Versammlung ein, die jemals auf diesem Himmelskörper stattfand.

Hunderte Augenpaare starrten zu mir hoch, ahnungslos und ohne Vorurteile. Wenn ich sie von diesem Felsen aus musterte, glichen sie Plastilin. Nur ich entschied, wie ich es formen wollte. Da mich schon ein paar von ihnen über meine Herkunft ausgefragt hatten, begann ich meine Rede mit einer Beschreibung der Erde. Ich berichtete von Staaten und Regierungen, erklärte ihnen die Technik und stellte ihnen Gott vor; ihre Lebensweise bemängelte ich mit einem Steinzeit-Vergleich, verglich sie selbst mit Insekten und Schädlingen, kritisierte das Fehlen von Handel und Wirtschaft, und ich echauffierte mich über die kümmerliche Ausschöpfung ihrer Ressourcen. »Was tut ihr bloß?«, rief ich, »Wozu habt ihr euer Bewusstsein, eure Intelligenz? Wie Tiere lebt ihr! Wir müssen euer Dasein von Grund auf verändern! Das heißt, wir verbessern es! Seht mich an! Ich werde euch zu Helden formen, und aus diesem Planeten machen wir das Paradies.«

Die Wesen wurden neugierig. Manche drängten sich nach vorne, um Fragen zu stellen. »Wie beginnen wir deine Vorschläge umzusetzen?«, rief einer. »Weshalb brauchen wir eine Hür… ach ja, eine Hierarchie?«, rief ein anderer. »Was bedeutet Diktatur?«, erkundigte sich ein Untersetzter, von dem später noch zu berichten sein wird.

Ich begriff meine Möglichkeiten. Nur warmes Eisen lässt sich verbiegen. Solange es leuchtet, sollte man draufhauen. Und ich haute drauf! Noch am selben Abend ernannte ich mich zu ihrem König. Ich lehrte sie Beifall, und fortan mussten sie applaudieren, wann immer sie mich sahen – freilich erst nach der Verbeugung. Meine erste Amtshandlung war die Taufe meines Großreichs; ich nannte es spaßhalber: EGOISTIEN

Die alten Tafeln riss ich nieder. Nichts war mehr gratis, alles bekam seinen Preis, und den bezahlten die Egoister mit ihrer neuen Währung. Aus Steinen ließ ich sie Münzen schleifen, in die sie Werte einritzten. Bereits am Tag der Einführung sah ich den Untersetzten, wie er eine Münze ins Sonnenlicht hielt. Als ein anderer vorbeikam, versteckte er das Geldstück in der Faust und kicherte. Nachdem ich die Steuer einführte, erließ ich Gesetze und Verordnungen, die ich mit strenger Stimme vortrug. Als Staatsform wählte ich nicht die Demokratie und auch keine Oligarchie, sondern die Diktatur. »Der Staat bin ich«, lautete mein Slogan. Wir rodeten Wälder, wir schlachteten Tiere und wir veranstalteten Wettkämpfe. Wenn Fragen über die neuen Sitten auftauchten, beriet ich mein Volk, bis ich diese lästigen Aufgaben an meine Berater übertrug.

Das Uhrwerk lief, die Zeiger tickten. Meine Egoister erwiesen sich als fleißig und arbeitswillig. Für den Profit schunden und quälten sie sich sieben Tage die Woche. Aufmüpfigkeit gab es nicht. Ich war Herr über mein eigenes Reich, aber das wurde mir bald zu klein, und so ließ ich sie Messer und Beile schnitzen. Ich erklärte ihnen den Krieg und wir marschierten los. Im Nu eroberten wir so viele Dörfer und Gemeinden, Cäsars Rom wäre gegen mein egoistisches Großreich ein Kaff gewesen. Und all das ohne Widerstand.

Denkmäler, die man nach meinem Abbild meißelte, prunkten auf den Marktplätzen. Portraits, die mich mit Krone am Thron abbildeten, hingen wie Kruzifixe in den Häusern. Nicht mal gehen musste ich noch, denn meine Lakaien trugen mich auf der Sänfte von jedem A zu jedem B. Ich wurde gewaschen, mir wurden die Zehen gefeilt, sogar einen Ab- und Auswischer beschäftigte ich. Nebenbei besuchten mich die schönsten Damen. Was für Körper! Und erst die kleinen Experimente, die ich mit ihnen anstellte. Eine Arbeiterhorde errichtete, gemäß meiner Vorstellungen, einen Palast, für den auf der Erde kein Platz wäre. Fünfzig Schlafgemächer und hundert Badezimmer waren davon nur ein kleiner Teil. Überdies wurden Decken, Wände und Gegenstände aller Art mit Gold und Diamanten verziert. Auf diesem Planeten glänzten die Edelmetalle in Hülle und Fülle, bloß war ich der erste, der sie auch beachtete.

Und dennoch, trotz Aufschwung und Expansion, der Reichtum veränderte die Egoister. Früher gleich in Wille und Charakter, unterschieden sie sich nun voneinander. Bei der Arbeit rackerten manche ohne Mühe fünfzehn Stunden am Stück, ohne zu gähnen; andere sanken schon nach vier Stunden in den Matsch, und hätten sie den Holzstapel nur noch zwei Meter weiter schleppen müssen, sie wären gestorben vor Erschöpfung. Einer meiner Berater bemerkte, dass es sich bei diesen Schwächlingen um Leute mit kurzen Ohren handelte. Ich überlegte, wie ich mit ihnen verfahren wollte. ›Diese Kurzohren‹, dachte ich, ›die könnten mit ihrer Schwäche den Fortschritt bremsen, wenn nicht sogar aufhalten.‹ Folglich erließ ich ein neues Gesetz, dass die Ausrottung sämtlicher Kurzohren anordnete. Keine Stunde länger durften sie Egoistien mit ihrer Unterdurchschnittlichkeit gefährden. Meiner Armee erteilte ich den Auftrag, die Dörfer und Schlupfwinkel mit Maßbändern zu durchkämmen. Alle Ohren wurden abgemessen. Waren sie länger als 5 Zentimeter, durfte man mir weiterhin dienen, waren die Ohren jedoch kürzer, dann wurde das Kurzohr am Scheiterhaufen verbrannt. Die Egoister liebten das Leben, aber den Tod, den mochten sie weniger. Bald flackerten erste Zweifel an meinen Methoden auf. Ein paar Handlanger widersetzten sich. Doch ich statuierte ein Exempel, indem ich ein Dutzend von ihnen öffentlich folterte. Sie bekamen Angst, befolgten meine Befehle und die Durchschnittslänge der Ohren stieg.

Die Wirtschaft florierte, aber die übrigen langohrigen Egoister entdeckten gleichzeitig den Egoismus. Aus ihnen, diesen Wahrzeichen der Tugend, diesen Sanften und Vernünftigen, quollen andere, irdische Charaktertypen. Das waren Neider, Besserwisser, Ehrgeizlinge, Schurken, Wüstlinge, Zuhälter, Fanatiker, Mörder, Betrüger, Pflichtlächler, Windhändler und abertausende Floskelspucker. Klassen entstanden. Unter mir bildete sich eine schlanke Oberschicht, die eine breitere Mittelschicht unterdrückte. Diese erniedrigte eine fette Unterschicht, die die Sklaverei erfand. Auf diese käuflichen Zwangsarbeiter wurde die Drecksarbeit abgewälzt. Sänften tragen, Steine schürfen, Kot einsammeln, damit beschäftigten sich Sklaven in einem egoistischen Haushalt. Manchmal, wenn sie schlimm waren, wurden sie geprügelt, gefoltert oder am Feuerhäufchen durchgeschmort.

Obwohl mein System gewiss Schwächen aufwies, funktionierte es lange Zeit, zumindest für meine Wenigkeit, den Herrscher über alles. Während sich mein Volk den Buckel zerkratzte und durch steigende Abgaben an mich verarmte, sonnte ich mich auf meinen Terrassen, soff und sumpfte und vertrieb mir den Rest des Tages mit meinen Haremsdamen. Doch dann kam die Revolution, natürlich nicht mit Pauken und Trompeten, sondern auf Taubenfüßen.

Wie geschah das? Nun, unter den zahlreichen Honigschmierern und Berufsschmarotzern an meinem Hof war einer der talentierteste. Ich erwähnte ihn schon vorhin. Man nannte ihn Furchius und er war hässlich wie ein Nacktmull. Dafür ein begnadeter Propaganda-Minister und Massenmörder. Niemals und nirgendwo, nicht in diesem oder in einem anderen Universum, gab es einen Speichellecker wie Furchius, der sich darauf verstand, die Obrigkeit mit Geschwafel, Gerüchten und Possen zu belustigen, während er hinterrücks dunkelste Pläne schmiedete, üble Nachrede betrieb und sich mit den Errungenschaften von anderen schmückte. Übrigens war er sehr klein und hatte verformte X-Beine.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nichts von seinem Dünkel. Machtansprüche werden meist nicht ehrlich offenbart. So auch bei Furchius; jeden Tag erschien er pünktlich in meinem Palast und begab sich in jenes meiner tausendundein Zimmer, in dem ich mich gerade verwöhnen ließ. Unter einem Hagel glitschigster Komplimente berichtete er mir von den jüngsten Erfindungen und Eroberungen, vom Wachstum der Wirtschaft und den Exekutionen der Rebellen, die immer häufiger auftauchten.

Um diese Kleinigkeiten scherte ich mich jedoch nicht. Ein großer Fehler, wie sich zeigte. Schließlich, da ich schon nicht mehr fauler und fetter werden konnte, ernannte ich Furchius zu meinem Vizeheerführer und Vizekanzler. Das hätte ich nicht tun dürfen. Zwar genoss Furchius seine Stellung, aber wie es bei ruhmsüchtigen Zwergen die Mode ist, wollte er noch mehr.

Die Dominanz der Oberschicht machte aus dem restlichen Volk ein Armenhaus. Man stocherte in Mistkübeln und bettelte um Essensreste, sogar Fälle von Kannibalismus drangen zu mir. Mittelschichtler betrogen Unterschichtler, Unterschichtler betrogen Unterschichtler, Sklaven rebellierten und ermordeten Unter-, Mittel- und Oberschichtler, sowie sich selbst. Häuser brannten. Einbrüche und Entführungen waren Alltag und auf den Friedhöfen schaufelte man Massengräber. Ich indessen wachte nachmittags auf und verschlang Früchte und Frauen. Und wie schmeckte mir dazu erst der süße Wein aus dem Schlossgarten!

Mein Palast glänzte auf einer Anhöhe, abgeschottet vom Elend, weit weg von Seuchen und Tränen. Dieser Luxus endete an einem sonnigen Nachmittag. Ich lag in meinem drittliebsten Schlafgemach und ferkelte mit meiner zweitliebsten Mätresse am Teppich, als mein Zehenfeiler eintrat und Furchius ankündigte, der draußen wartete. Ich ließ ihn zu mir vor. Die Mätresse lief hinaus. Furchius sah ihr nach, machte einen Knicks, und dann meldete er mir mit seiner weibisch schrillen Stimme, dass sich das Volk anschickte, den Palast zu stürmen.

»Und wozu?«, sagte ich empört, »Was wollen diese Grobiane?«

»Hochverehrte, gottesgleiche Majestät«, entgegnete Furchius, »Wie man hört, dünkt es das Volk aus unerfindlichen Gründen, Seine Egoistische Exzellenz zu stürzen.«

 

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