MACHT – Teil 2

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II.

Hinter mir lagen also der Sturz in das schwarze Loch, die Landung am Zwilling der Erde und schließlich die Begegnung mit jenen Wesen, die des Menschen Aussehen besaßen, jedoch menschheitsfremd lebten. Nach einigen Wochen wurde mir ihre Liebenswürdigkeit so eintönig und fad, dass ich diesen Zustand nicht mehr ertrug. Ihre Lieder quälten meine Ohren, und für die netten Gesten empfand ich nichts als Abscheu. ›Was für Neandertaler!‹, dachte ich, und dann schwirrten mir zum ersten Mal revolutionäre Pläne durch die Fantasie. Der Tatendrang kitzelte mich in den Fingern. Und so beschloss ich, dieses Völkchen zu bekehren. Mich selbst sah ich dabei in der Rolle eines Kreuzritters.

Die Tugenden meiner Freunde, auch wenn ich sie angepriesen hatte, erschienen mir plötzlich wie Makel. Sollen sie in Harmonie leben – gut! Sollen sie sogar beim Sterben lächeln – okay! Was geht das aber alles mich an! Ich sah bloß noch Denkfehler und Schwächen, die sie daran hinderten, ihren fruchtbaren Planeten als Herrenrasse zu beherrschen. Eine Zeitlang rang der Christ mit dem Pionier in mir, aber eines Abends übermannte mich die Vorstellung, ich hätte hier einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Deshalb berief ich die erste Versammlung ein, die jemals auf diesem Himmelskörper stattfand.

Hunderte Augenpaare starrten zu mir hoch, ahnungslos und ohne Vorurteile. Wenn ich sie von diesem Felsen aus musterte, glichen sie Plastilin. Nur ich entschied, wie ich es formen wollte. Da mich schon ein paar von ihnen über meine Herkunft ausgefragt hatten, begann ich meine Rede mit einer Beschreibung der Erde. Ich berichtete von Staaten und Regierungen, erklärte ihnen die Technik und stellte ihnen Gott vor; ihre Lebensweise bemängelte ich mit einem Steinzeit-Vergleich, verglich sie selbst mit Insekten und Schädlingen, kritisierte das Fehlen von Handel und Wirtschaft, und ich echauffierte mich über die kümmerliche Ausschöpfung ihrer Ressourcen. »Was tut ihr bloß?«, rief ich, »Wozu habt ihr euer Bewusstsein, eure Intelligenz? Wie Tiere lebt ihr! Wir müssen euer Dasein von Grund auf verändern! Das heißt, wir verbessern es! Seht mich an! Ich werde euch zu Helden formen, und aus diesem Planeten machen wir das Paradies.«

Die Wesen wurden neugierig. Manche drängten sich nach vorne, um Fragen zu stellen. »Wie beginnen wir deine Vorschläge umzusetzen?«, rief einer. »Weshalb brauchen wir eine Hür… ach ja, eine Hierarchie?«, rief ein anderer. »Was bedeutet Diktatur?«, erkundigte sich ein Untersetzter, von dem später noch zu berichten sein wird.

Ich begriff meine Möglichkeiten. Nur warmes Eisen lässt sich verbiegen. Solange es leuchtet, sollte man draufhauen. Und ich haute drauf! Noch am selben Abend ernannte ich mich zu ihrem König. Ich lehrte sie Beifall, und fortan mussten sie applaudieren, wann immer sie mich sahen – freilich erst nach der Verbeugung. Meine erste Amtshandlung war die Taufe meines Großreichs; ich nannte es spaßhalber: EGOISTIEN

Die alten Tafeln riss ich nieder. Nichts war mehr gratis, alles bekam seinen Preis, und den bezahlten die Egoister mit ihrer neuen Währung. Aus Steinen ließ ich sie Münzen schleifen, in die sie Werte einritzten. Bereits am Tag der Einführung sah ich den Untersetzten, wie er eine Münze ins Sonnenlicht hielt. Als ein anderer vorbeikam, versteckte er das Geldstück in der Faust und kicherte. Nachdem ich die Steuer einführte, erließ ich Gesetze und Verordnungen, die ich mit strenger Stimme vortrug. Als Staatsform wählte ich nicht die Demokratie und auch keine Oligarchie, sondern die Diktatur. »Der Staat bin ich«, lautete mein Slogan. Wir rodeten Wälder, wir schlachteten Tiere und wir veranstalteten Wettkämpfe. Wenn Fragen über die neuen Sitten auftauchten, beriet ich mein Volk, bis ich diese lästigen Aufgaben an meine Berater übertrug.

Das Uhrwerk lief, die Zeiger tickten. Meine Egoister erwiesen sich als fleißig und arbeitswillig. Für den Profit schunden und quälten sie sich sieben Tage die Woche. Aufmüpfigkeit gab es nicht. Ich war Herr über mein eigenes Reich, aber das wurde mir bald zu klein, und so ließ ich sie Messer und Beile schnitzen. Ich erklärte ihnen den Krieg und wir marschierten los. Im Nu eroberten wir so viele Dörfer und Gemeinden, Cäsars Rom wäre gegen mein egoistisches Großreich ein Kaff gewesen. Und all das ohne Widerstand.

Denkmäler, die man nach meinem Abbild meißelte, prunkten auf den Marktplätzen. Portraits, die mich mit Krone am Thron abbildeten, hingen wie Kruzifixe in den Häusern. Nicht mal gehen musste ich noch, denn meine Lakaien trugen mich auf der Sänfte von jedem A zu jedem B. Ich wurde gewaschen, mir wurden die Zehen gefeilt, sogar einen Ab- und Auswischer beschäftigte ich. Nebenbei besuchten mich die schönsten Damen. Was für Körper! Und erst die kleinen Experimente, die ich mit ihnen anstellte. Eine Arbeiterhorde errichtete, gemäß meiner Vorstellungen, einen Palast, für den auf der Erde kein Platz wäre. Fünfzig Schlafgemächer und hundert Badezimmer waren davon nur ein kleiner Teil. Überdies wurden Decken, Wände und Gegenstände aller Art mit Gold und Diamanten verziert. Auf diesem Planeten glänzten die Edelmetalle in Hülle und Fülle, bloß war ich der erste, der sie auch beachtete.

Und dennoch, trotz Aufschwung und Expansion, der Reichtum veränderte die Egoister. Früher gleich in Wille und Charakter, unterschieden sie sich nun voneinander. Bei der Arbeit rackerten manche ohne Mühe fünfzehn Stunden am Stück, ohne zu gähnen; andere sanken schon nach vier Stunden in den Matsch, und hätten sie den Holzstapel nur noch zwei Meter weiter schleppen müssen, sie wären gestorben vor Erschöpfung. Einer meiner Berater bemerkte, dass es sich bei diesen Schwächlingen um Leute mit kurzen Ohren handelte. Ich überlegte, wie ich mit ihnen verfahren wollte. ›Diese Kurzohren‹, dachte ich, ›die könnten mit ihrer Schwäche den Fortschritt bremsen, wenn nicht sogar aufhalten.‹ Folglich erließ ich ein neues Gesetz, dass die Ausrottung sämtlicher Kurzohren anordnete. Keine Stunde länger durften sie Egoistien mit ihrer Unterdurchschnittlichkeit gefährden. Meiner Armee erteilte ich den Auftrag, die Dörfer und Schlupfwinkel mit Maßbändern zu durchkämmen. Alle Ohren wurden abgemessen. Waren sie länger als 5 Zentimeter, durfte man mir weiterhin dienen, waren die Ohren jedoch kürzer, dann wurde das Kurzohr am Scheiterhaufen verbrannt. Die Egoister liebten das Leben, aber den Tod, den mochten sie weniger. Bald flackerten erste Zweifel an meinen Methoden auf. Ein paar Handlanger widersetzten sich. Doch ich statuierte ein Exempel, indem ich ein Dutzend von ihnen öffentlich folterte. Sie bekamen Angst, befolgten meine Befehle und die Durchschnittslänge der Ohren stieg.

Die Wirtschaft florierte, aber die übrigen langohrigen Egoister entdeckten gleichzeitig den Egoismus. Aus ihnen, diesen Wahrzeichen der Tugend, diesen Sanften und Vernünftigen, quollen andere, irdische Charaktertypen. Das waren Neider, Besserwisser, Ehrgeizlinge, Schurken, Wüstlinge, Zuhälter, Fanatiker, Mörder, Betrüger, Pflichtlächler, Windhändler und abertausende Floskelspucker. Klassen entstanden. Unter mir bildete sich eine schlanke Oberschicht, die eine breitere Mittelschicht unterdrückte. Diese erniedrigte eine fette Unterschicht, die die Sklaverei erfand. Auf diese käuflichen Zwangsarbeiter wurde die Drecksarbeit abgewälzt. Sänften tragen, Steine schürfen, Kot einsammeln, damit beschäftigten sich Sklaven in einem egoistischen Haushalt. Manchmal, wenn sie schlimm waren, wurden sie geprügelt, gefoltert oder am Feuerhäufchen durchgeschmort.

Obwohl mein System gewiss Schwächen aufwies, funktionierte es lange Zeit, zumindest für meine Wenigkeit, den Herrscher über alles. Während sich mein Volk den Buckel zerkratzte und durch steigende Abgaben an mich verarmte, sonnte ich mich auf meinen Terrassen, soff und sumpfte und vertrieb mir den Rest des Tages mit meinen Haremsdamen. Doch dann kam die Revolution, natürlich nicht mit Pauken und Trompeten, sondern auf Taubenfüßen.

Wie geschah das? Nun, unter den zahlreichen Honigschmierern und Berufsschmarotzern an meinem Hof war einer der talentierteste. Ich erwähnte ihn schon vorhin. Man nannte ihn Furchius und er war hässlich wie ein Nacktmull. Dafür ein begnadeter Propaganda-Minister und Massenmörder. Niemals und nirgendwo, nicht in diesem oder in einem anderen Universum, gab es einen Speichellecker wie Furchius, der sich darauf verstand, die Obrigkeit mit Geschwafel, Gerüchten und Possen zu belustigen, während er hinterrücks dunkelste Pläne schmiedete, üble Nachrede betrieb und sich mit den Errungenschaften von anderen schmückte. Übrigens war er sehr klein und hatte verformte X-Beine.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nichts von seinem Dünkel. Machtansprüche werden meist nicht ehrlich offenbart. So auch bei Furchius; jeden Tag erschien er pünktlich in meinem Palast und begab sich in jenes meiner tausendundein Zimmer, in dem ich mich gerade verwöhnen ließ. Unter einem Hagel glitschigster Komplimente berichtete er mir von den jüngsten Erfindungen und Eroberungen, vom Wachstum der Wirtschaft und den Exekutionen der Rebellen, die immer häufiger auftauchten.

Um diese Kleinigkeiten scherte ich mich jedoch nicht. Ein großer Fehler, wie sich zeigte. Schließlich, da ich schon nicht mehr fauler und fetter werden konnte, ernannte ich Furchius zu meinem Vizeheerführer und Vizekanzler. Das hätte ich nicht tun dürfen. Zwar genoss Furchius seine Stellung, aber wie es bei ruhmsüchtigen Zwergen die Mode ist, wollte er noch mehr.

Die Dominanz der Oberschicht machte aus dem restlichen Volk ein Armenhaus. Man stocherte in Mistkübeln und bettelte um Essensreste, sogar Fälle von Kannibalismus drangen zu mir. Mittelschichtler betrogen Unterschichtler, Unterschichtler betrogen Unterschichtler, Sklaven rebellierten und ermordeten Unter-, Mittel- und Oberschichtler, sowie sich selbst. Häuser brannten. Einbrüche und Entführungen waren Alltag und auf den Friedhöfen schaufelte man Massengräber. Ich indessen wachte nachmittags auf und verschlang Früchte und Frauen. Und wie schmeckte mir dazu erst der süße Wein aus dem Schlossgarten!

Mein Palast glänzte auf einer Anhöhe, abgeschottet vom Elend, weit weg von Seuchen und Tränen. Dieser Luxus endete an einem sonnigen Nachmittag. Ich lag in meinem drittliebsten Schlafgemach und ferkelte mit meiner zweitliebsten Mätresse am Teppich, als mein Zehenfeiler eintrat und Furchius ankündigte, der draußen wartete. Ich ließ ihn zu mir vor. Die Mätresse lief hinaus. Furchius sah ihr nach, machte einen Knicks, und dann meldete er mir mit seiner weibisch schrillen Stimme, dass sich das Volk anschickte, den Palast zu stürmen.

»Und wozu?«, sagte ich empört, »Was wollen diese Grobiane?«

»Hochverehrte, gottesgleiche Majestät«, entgegnete Furchius, »Wie man hört, dünkt es das Volk aus unerfindlichen Gründen, Seine Egoistische Exzellenz zu stürzen.«

 

Fortsetzung folgt …

MACHT – Teil 1

I.

Es gibt Gedanken für den Tag und Gedanken für die Nacht. Solange der Himmel noch eine Farbe hat, denken die Menschen an Dinge, die sie voranbringen, die ihnen nutzen. An Geld. An E-Mails. An den nächsten Termin und an die Gurken, die sie nicht auf die Einkaufsliste geschrieben haben. Erst die Dunkelheit verzaubert unsere Welt. Der Kürbis wird zum Ball. Der Ball wird zum Gesicht. Gesichter werden Fratzen. Unsere Gedanken verwandeln sich in Träume. Wünsche und Fantasien scheuen das Licht, bloß meine, die tun das nicht. Ich gehöre zu denen, die Tag und Nacht wie in der Nacht denken. Das ist eine Schwäche. Oft irre ich durch die Gegend und starre ins Nichts, konzentriere mich auf Menschen, die nicht da sind, die nicht mehr leben, oder auf Gestalten, die niemals gelebt haben. So gerate ich in schmerzhafte Situationen. Im Sommer wurde ich von einem Auto angefahren, im Supermarkt rempelte ich ein Regal und im Schwimmbad ein kleines Mädchen. Neulich an der Bushaltestelle, da rannte ich sogar mit der Stirn gegen einen Masten. Die Fahrgäste klebten an den Scheiben und lachten mich aus.

Erst letzte Woche trottete ich wieder in Gedanken die Gasse vor meinem Haus hinab. Am Kopfsteinpflaster klebte eine Zeitung, auf der ein Mann im Krieg eine Schubkarre lenkte. Zwei tote Kinder lagen darin. Ihre Gesichter sah man nicht, ihre schwarzen Beinchen ragten aber steil hinaus. Ich erschrak bei diesem Anblick. Dann begann die Grübelei. Ich weiß noch, wie ich mich fragte, weshalb die Menschheit Kriege führt, weshalb sie Ruhe und Eintracht hasst, und weshalb sie aus viel immer vielmehr machen will. Als Antwort erhielt ich nur weitere Fragen, und weil ich ohne Lösungen leide – litt ich. Zur Ablenkung begann ich ein Spiel mit mir selbst. Ich zählte die Pflastersteine. Manche waren schön, manche zerfurcht, einige überragten die anderen, einige hatten sich gelockert und wieder andere fehlten oder lagen, halb von der Erde verschluckt, neben dem Weg. Die Nummer 91 zählte ich bereits, als ich den linken Fuß vor den rechten setzte, aber keinerlei Widerstand unter mir spürte. Wo war der Boden hin? Ich hatte das Gefühl, als stiege ich über eine Klippe. Um mich vor dem Sturz zu bewahren, hätte ich einen Ast oder eine andere Vorrichtung zum Festhalten benötigt. So aber fiel ich in eine schreckliche Ungewissheit.

Wenn man einen Aufprall mit Verletzungen erwartet, packt einen der Instinkt. Man schützt sich, indem man die Hände vor dem Gesicht verschränkt, sich krümmt und jede Faser Muskel anspannt. Auch ich verhielt mich in dieser Art, nur schlug ich nicht auf und prallte nirgendwo dagegen. Immer tiefer und tiefer fiel ich, indessen der Schwindel das Blut aus meinem Kopf saugte. Jede Sekunde erwartete ich meinen Tod, bald erhoffte ich ihn sogar. Obwohl ich rund um mich nichts erkannte, kniff ich die Augen zusammen, bis sie schmerzten. Plötzlich sah ich etwas – in mir. Eine Erinnerung. Noch eine. Die nächste. Mit Kurzzeitgedächtnis hatte das aber nichts zu tun, vielmehr waren es Erinnerungen, die ich so lange verdrängt hatte, dass sie mich mehr schockierten als der Sturz in diesen Brunnen ohne Boden. Nur Sünden sah ich, Sünden, die ich begangen hatte. Ich sah mich in der Grundschule, wie ich stahl und Kinder anspuckte, sah mich während meiner Jugend, wie ich meine erste Freundin an den Schultern festhielt und schüttelte, wie ich Drogen nahm und Raufereien anzettelte, sah mich beim Lügen und Betrügen, beim Neiden und Beleidigen und bei schlimmeren Abscheulichkeiten. Ich dachte, ich sei wertlos und eklig – ein Untermensch.

Ich hatte mich schon aufgegeben, da geschah etwas Merkwürdiges. In der Ferne erleuchtete inmitten der Schwärze ein klitzekleiner Punkt, ähnlich einem Glühwürmchen. Zunächst schien er weiß, bald strahlte er gelb. Er gab mir einen Kontrast; dank ihm begriff ich, mit welch sagenhafter Geschwindigkeit ich fiel. Aber fiel ich oder flog ich? Raste ich auf den Punkt zu, oder er auf mich? Der Punkt erschien mir als Kreis, bald als Kugel, und bald änderte diese Kugel noch einmal ihre Farbe. Sie wurde blau und grün und braun. Da erahnte ich, worum es sich bei diesem Objekt handelte.

War ich im Weltall? Und wenn ja, wie konnte das sein? Obwohl ich nicht steuern konnte, zog der blaue Ball mich an wie ein Magnet. Von Vakuum oder Schwerelosigkeit spürte ich nichts, vielmehr fühlte ich mich von einer Absicht oder einem fremdartigen Willen gelenkt. Ich begaffte die Kontinente und wunderte mich über ihre Form. Der eine sah aus wie Australien, die beiden anderen ähnelten sich, bloß schien der eine etwas dicker, der andere etwas länger. Ja, es bestand kein Zweifel mehr. Vor mir lag unsere Erde.

›Wo will ich am liebsten aufschlagen?‹, dachte ich, indem mein Blick zwischen der Antarktis und dem Kap der guten Hoffnung pendelte. ›Bloß nicht ins Meer! Nicht ins eiskalte Wasser! Untergehen und von Riesenviechern zersetzt werden, nein, das verdiene ich nicht! Bitte Gott, lass mich wenigstens am Land zerschellen!‹

Ohne Hitzeschild durchbrach ich die Atmosphäre meines Heimatplaneten. Dass ich weder Wärme noch Kälte empfand, wunderte mich zwar einen Augenblick, gleichsam quälten mich aber wichtigere Fragen. ›Wie lange habe ich noch? … Wie lange dauert ein Flugzeugabsturz? … Mal drei ergibt das … ‹ Ich wollte meine Daseinsreste nicht für solche Mutmaßungen verschwenden. Da mir nichts Besseres einfiel, zwang ich mich an alle Menschen zu denken, die ich lieb hatte, und die auch mich lieb hatten. Hatten die mich lieb?

Indessen tauchte ich in die Wolkenwatte. Regen, der noch nicht gefallen war, rann mir über Wangen und Arme, der Wind pfiff und ich sah Land unter mir. Jetzt wünschte ich mir, doch aufs Wasser aufzuschlagen. Dann wünschte ich mir, dass mich die Ohnmacht aus dem Leben riss, bevor es der Boden tat. Aber ich behielt mein Bewusstsein; mehr denn je war ich bei Sinnen und dachte immerzu an mein lächerliches Leben, und wie ich es nicht genutzt, sondern für falsche Ziele und Menschen vergeudet hatte.

Aus der Landkarte erhoben sich Wälder, Seen und Ebenen. ›Wo ist Gott?‹, dachte ich. ›Wird mir Petrus gleich öffnen, werde ich beim jüngsten Gericht beichten? Was wissen die über mich? Wissen die von meinen … Nein, das dürfen die nicht wissen! … Aber was, wenn nichts mehr ist? Nie wieder etwas? Nie wieder atmen, nie wieder sehen und riechen, nie wieder in meinem Bett erwachen, nie wieder eine Frau küssen!‹

Während ich mich mit diesen Dingen beschäftigte, verlangsamte sich wie durch Zauberhand mein Tempo. Boeing – Rennauto – Moped – spanische Wegschnecke. Zeitlupe. Ich schwebte wie ein stolzer Vogel oder ein Flaschengeist.

Keine fünfzig Meter trennten mich noch von der Oberfläche, da erkannte ich unter mir einen Baum. Mit seinem schiefen Stamm glich er der Birke aus meinem Garten. Und neben ihm verlief ein Pfad, der meiner Gasse ähnelte, in der ich doch vorhin in das Loch gefallen war. War ich zuhause? Ich verstand nichts mehr. Als meine Beine am Pfad aufsetzten, wackelten sie und kippten um. Da lag ich und keuchte und winselte.

Ich war am Leben! Ich jubelte! Lebte ich? Nach allen Seiten wandte ich den Kopf. Überall hielt ich Ausschau nach Autos und Beleuchtungen und Handymasten, natürlich nach Erdlingen. Doch rings um mich standen bloß weitere Bäume. Aus dem Boden ragten blühende Sträucher und Blumen, deren Farben meine Augen stachen wie das helle Sonnenlicht. All diese Pflanzen wirkten, als hätte sie noch nie jemand berührt. Ich stützte mich am Stamm der Birke ab und erhob mich. Zwei Blicke nach links, einer nach rechts, drei nach hinten, so torkelte ich den Pfad bergauf und suchte mein Haus. Stattdessen erreichte ich aber eine Wiese mit lila Blumen und grasenden Rehen und… – ich erschrak.

Menschen! Viele Menschen waren auf dieser Wiese. Sie saßen im Kreis. Gelächter. Umarmungen. Die Kinder tanzten Hand in Hand. Alle strahlten auf eine Weise, die ich bis dato noch nie gesehen hatte. Keiner schwieg. Keiner saß abseits. Alle trugen weite, schneeweiße Gewänder und sangen ein fröhliches Lied. Wie ein Chor aus Göttern klangen sie. Ich traute meinen Eindrücken nicht, und so drehte ich mich weg, schlug mir auf den Kopf, tat die Hände vor die Augen. Gerade als ich mich hinter einem Strauch verstecken wollte, entdeckte man mich. Nicht einer, sondern alle kamen. Einer von ihnen war aber doch der schnellste. Dieser Mann, sein Haar war dicht und schwarz, öffnete die Arme und ging direkt auf mich zu. Ich wollte fliehen, meine Beine blieben aber starr.

»Wir grüßen dich«, sagte dieses Wesen in meiner Sprache.

Er umarmte mich. Ich zitterte.

»Ja… Guten Tag«, sagte ich und winkte den anderen. »Ich … entschuldigen Sie … wie komme ich denn in die nächste Stadt?«

»Wie bitte?«, sagte er.

»Wo bin ich?«

»Du bist bei uns.«

»Und wer seid Ihr?«

»Wir sind wir.«

Ende des Gesprächs. Freundlichkeit ist nicht gleich Freundschaft, Umarmungen sind nicht gleich Liebe. Ich fürchtete mich vor seiner Stimme, genauer gesagt vor diesem herzlichen, fast heiligen Unterton. Ich haderte und stand stocksteif vor ihm – vor ihnen allen. Als er mir aber sagte, seine Familie sei überglücklich über meine Ankunft, da folgte ich ihm, und die anderen folgten mir.

Die Unbekannten empfingen mich wie einen Messias. Jeder umarmte und küsste und bestaunte mich, aber in diesem Staunen lagen weder Angst noch Misstrauen. Bald fiel mir auf, dass mir keiner eine Frage stellte. Also war ich es, der sich bei dieser Kommune erkundigte, wo ich hier war. Dreimal probierte ich das, jedes Mal erhielt ich aber dieselbe Antwort: »Bei uns.«

Sie führten mich in ihr Dorf. Die Dächer bestanden aus Stroh, die Wände aus einer Art Lehm, und auch sonst verwendeten sie nur natürliche Materialien. Nirgendwo sah ich Beton oder Metall. Als wir uns um einen Stein auf den Boden setzten, fragte ich meine Sitznachbarin: »Entschuldigen Sie, heißt dieser Planet: die Erde?« Sie beriet sich mit den anderen, und im Chor antworteten sie: »Erde ist uns nicht bekannt.«

Jetzt verstand ich, dass ich mich in einer Parallelwelt befinden musste. Die Bewohner dieses Planeten, die uns Menschen aufs Haar glichen, führten ein Leben ohne Komplikationen. Sie sprachen, lachten und kümmerten sich um ihre Kinder, aber Begriffe wie Geld, Land, Grenze, Verbrechen, Hass, Zorn und Wirtschaft kannten sie nicht. Sie aßen nur Pflanzen und Beeren, tranken nichts als Wasser aus dem See nebenan, sie stritten nicht, sie schlugen sich nicht, beneideten und beraubten einander niemals, führten keine Kriege, besaßen kein Geld und hatten keine Wünsche, nicht mal Wettbewerbe hatten die. Nacht für Nacht schliefen sie mit anderen Leuten in anderen Häusern, als bestimmte der Zufall, wer heute hier und wer morgen dort übernachtete. Die Natur behandelten sie mit Liebe und Sanftmut, und deshalb erschien sie mir bald als der schönere Zwilling unserer irdischen. Zudem teilten sie jeden Gegenstand. Alles gehörte jedem, aber nichts gehörte irgendwem. Kurz gesagt, es handelte sich um Wesen, die keine Sünden begangen, weil sie von der Sünde keinen Schimmer hatten. Anfangs war das schwer zu verstehen.

Tag für Tag erforschte ich meine neuen Freunde in allen Einzelheiten; so lernte ich ihre Gepflogenheiten und sang bald ihre Lieder. Ich mochte alle und wurde wie sie. Ich umarmte Frauen wie Männer, brachte ihre Kinder zu Bett und half ihnen beim Kochen und Feuermachen. Und alle, ohne Ausnahme, liebten auch mich wie einen Bruder.

Nach ein paar Wochen vermisste ich mein Auto und meinen Computer nicht mehr; meine einstigen Sorgen und Probleme verblassten in diesem Beisammensein, in dieser Harmonie ohne Ende. Ich verdrängte den Spott, die Bosheit und den Ehrgeiz; ich strebte nach nichts uns hasste niemanden, ich war zum ersten Mal in meinem Leben glücklich, ohne mich zu belügen. Eine Weile lebte ich so am Gipfel menschlicher Zufriedenheit. Aber schließlich wurde mir langweilig. Und dann habe ich dieses liebenswerte Volk von Grund auf verdorben.

Weiter zu Teil 2 …

Roman #3

Interview: Baby Express

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Lesung: Fotomord

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Vorbestellung

Wien, 11.12.2017

Lieber Leser,

endlich ist es soweit 🙂 Ab heute ist mein neuer Roman „Fotomord“ bei Amazon Kindle für die Vorbestellung freigeschalten. Wenn Du ihn jetzt schon downloadest, speichert er sich gleich in Deiner Kindle-Bibliothek ab. Sobald er dann im Januar offiziell als eBook erscheint, kannst Du sofort loslesen.

Falls Du bereits eine kleine Leseprobe möchtest, findest Du eine solche hier. Um sie bis zum Ende zu lesen, abonniere bitte meinen Newsletter, der Dir fortan all meine Leseproben, Kurzgeschichten und Neuigkeiten in voller Länge und kostenlos zur Verfügung stellt.

Gleichsam lade ich Dich herzlich zu meiner ersten Lesung ein! Sie findet statt:

am 11. Januar 2018

um 19 Uhr

im Café Hummel

Josefstädter Strasse 66 / 1080 Wien

 

 

 

 

Geplant sind zwei oder drei Kapitel, Rauch-, Trink- und Tratschpausen, sowie eine Frage- und Diskussionsrunde zum Thema Kinderfotos im Internet. Ich freu mich auf einen spannenden und nützlichen Abend für die kleinen Kinder!

Bis dahin wünsche ich Dir frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

 

Alles Gute!

Dein Patrick Worsch