Über das Selbstbild

Wien, 7.4.2019

Siehst du dich so, wie wir dich sehen?

Von uns selbst haben wir alle ein Bild vor Augen. Verschwommen, klar oder fix, stets begleitet es uns. Wir sehen uns darauf aber weder lümmelnd am Bürotisch, noch wartend in der Kassenschlange. Eher erfüllen wir uns in diesem Bild unseren allergrößten Traum, oder aber wir scheitern daran. Unser Selbstbild entspricht weniger dem, was wir sind, als vielmehr dem, was wir uns zutrauen. Es zeigt uns, wie wir uns selbst einschätzen. Da aber niemand außer uns selbst den ganzen Tag mit uns verbringt, halten wir unser Selbstbild gerne auch für die beste Meinung über uns. Wir alle wollen, dass uns die anderen so einschätzen, wie wir uns selbst einschätzen. Denn keiner, glaube mir, keiner, glauben wir, kennt uns besser als wir selber.

Wie komisch wird es aber bereits, wenn wir bloß unsere Stimme auf einem Diktiergerät hören? Wie seltsam, wenn wir in einem Video durch das Bild laufen oder nur so rumstehen? Die eigenen Worte klingen da plötzlich fremd, unser Gang, die Haltung, ja unsere gesamte Körpersprache verrät sogar weit mehr von uns, als wir über uns selbst wussten. Es sieht nicht nur anders aus, es fühlt sich scheinbar von außen auch ganz anders an, mit uns zusammen zu sein, als es sich anfühlt, wir zu sein.

Dabei beginnt schon unsere Selbstsicht paradox. Wenn wir uns nämlich betrachten, dann tun wir das in einem Spiegel, in dem uns aber links als rechts und rechts als links erscheint. Sobald sich dieses Spiegelbild in uns einprägt, denken wir schon seitenverkehrt von unserem Körper. Aus einem einzigen Blickwinkel obendrein. Zu unserem Selbstbild gehören aber nicht nur Sinneseindrücke, sondern auch Bekanntschaften und Erlebnisse, die wir täglich vermehren und die wir mit Gefühlen und Gedanken verarbeiten und beurteilen. Aus unseren Urteilen ergeben sich unsere Einstellungen, und aus diesen formen sich schließlich unsere Träume, Ziele und unser Charakter. Oh, wir merken schnell, was uns Lust und Ekel bereitet! So beginnen auch gewisse Menschen, Moden oder Musikrichtungen zu unserer Selbstwahrnehmung zu passen. Mit anderen können wir weniger anfangen, wieder andere verachten wir sogar, weil sie unseren tiefsten Grundsätzen oder unserem Geschmack widerstreben.

Über unseren Platz in der Welt entscheiden letztlich wir selbst, jedoch nicht allein. Da wir es aber bequem mögen, verlassen wir uns dabei allzu gerne auf unsere ureigene Sicht auf uns selber. Sie ist sanft, meist beleuchten wir uns darin mit weichem Licht. Daher wählen wir oft auch Tätigkeiten, die unseren Tagträumen und Lüsten entsprechen, selten aber unseren natürlichsten Stärken. So kämpfen wir oft auch um Dinge, die wir vom Leben nicht bekommen. Oder wir zermürben uns lange Zeit für Ziele, die uns nicht bestimmt sind. Vielleicht wäre es ja, ganz nach Platon, wirklich der größte Vorteil für die Gesellschaft, wenn jeder Mensch sich darauf besinnt, wozu sich sein Charakter am besten eignet. Wer weiß das aber mit Bestimmtheit? Und selbst wenn, wer vergisst das nicht im Regen der Reize, der täglich durch Fernsehen und Internet auf uns herab prasselt?

Freilich gibt es ab und an ein paar Glückliche, bei denen sich Beruf und Berufung vereinigen und auch lohnen, viel häufiger reden sich Menschen aber eine einzige Berufung so lange und so fest ein, bis rundherum ein Pechschwarz entsteht, dass ihnen andere Möglichkeiten nicht nur verdunkelt, sondern auch verbietet. Zu viele Ansichten werden dadurch fix, zu viele Selbstbilder versteinern.

In der Regel eignen wir uns leider nicht dazu am besten, was uns selbst den meisten Spaß bereitet oder wofür wir die tiefste Leidenschaft empfinden. Unsere Leidenschaft ist für uns selber, für die anderen ist aber unsere Aufgabe. Am besten eignen wir uns daher für Tätigkeiten, die wir auf Anhieb beherrschen, bei denen wir von anderen prompt und ohne Aufforderung gelobt werden, die wir mitunter gar nicht im Blick haben wie die eigene Nase. Es sind eben jene Tätigkeiten, mit denen eine gewisse Wurstigkeit verbunden ist, Tätigkeiten, durch die wir niemandem etwas beweisen wollen, weil wir sie ohnehin mühelos beherrschen. Doch was uns wirklich entspricht, sind wir ehrlich, das langweilt uns auch bald. Gerade dieser gesunde Abstand hilft und schützt uns aber davor, uns selbst in unserem Tun nicht zu ernst zu nehmen.

Wer aber möchte nur das werden, wofür ihn andere halten? Wer will beispielsweise Lehrer sein?, wenn die Eltern schon immer sagten: Du bist der geborene Lehrer. »Vielen Dank«, vermeldet da der Trotz, »aber ich weiß besser, was gut für mich ist! Und ich bin garantiert alles, nur kein Lehrer!« Und so versteckt die Schöne in vielen Fällen ihre Schönheit, um nicht darauf reduziert zu werden. So schwingt sich der Informatiker mit Seidenschal auf ein möglichst rostiges Fahrrad und dichtet auf einer Wiese ein Sonett. So reden sich Menschen, die geborene Helfer wären, ihr Leben lang ein, sie müssten als taffe Egoisten auftreten, weil sie einmal im Film den rücksichtslosen Firmenmogul bewundert haben; so vernachlässigen Leute mit den ehrlichsten Elterninstinkten ihre Familienplanung, nur um die Mutter oder die strenge Tante davon zu überzeugen, dass sie doch Karriere machen können. Und umgekehrt. – Was wir in Wahrheit sind, scheint uns immer weniger zu interessieren. Wie wir den anderen aber erscheinen möchten, wird allzu oft die bittere Wahrheit über unser Leben. Im schlimmsten Fall ist sogar unser Selbstbild maskiert.

Von einem klugen Mann habe ich einmal gehört, dass uns nichts so sehr im Weg steht wie unsere eigene Meinung. Denn zumeist sind es nicht die blöden Kollegen oder die Verwandten, nicht die gemeinen Mitschüler oder die Fremden, die uns aufhalten. Zumeist sind es nur unsere eigenen Vorstellungen, die sich eben vor uns stellen, um uns die klare Sicht auf die Dinge zu rauben.

Wir sollten gerade dann vom Gas gehen, wenn wir von etwas zutiefst überzeugt sind. Kaum etwas behindert länger, kaum etwas stellt uns mehr Stoppschilder und Feinde und Mauern vor das Glück – als unsere Überzeugungen. Statt sie aber ständig zu prüfen, zu lockern und zu verwerfen, verteidigen und stützen wir sie mit allem Trotz und trotz allem, bis sie in uns festfrieren. Gleichsam reden wir uns ein, dass es uns egal ist, was die anderen über uns denken. Die werden schon noch sehen, sagen wir. Wenn die wüssten, grinsen wir im Dunkeln, ohne es besser zu wissen. Denn ganz gleich wie stur und starr wir uns selbst in dem Bild einsperren, in dem wir seit Jahren zu sein glauben – wofür uns andere halten, was sie von uns denken, was sie uns verbieten und erlauben, das wird unser Leben bis zu unserem Tod nachhaltig beeinflussen und mitbestimmen.

Ein junger Mann etwa, der in seinem Selbstbild ein geborener Anführer ist und sich deshalb vor jeder einfachen Arbeit verschließt, der kann niemals führen, solange er von anderen nicht ebenso als Führungsperson eingesetzt und akzeptiert wird. Eine Frau, die sich für ein Genie hält, kann weiter nur ihrem Kätzchen die Wahrheit über die Welt erzählen, solange keiner bereit ist, ihre Ansichten auch als Wahrheiten an Dritte weiterzugeben. Ja, selbst ein talentierter Prahler, der weit über seine Verhältnisse lebt, um den anderen einen reichen Lebensstil vorzuschwindeln, selbst dieser Gentlemen wird früher oder später davon bestimmt, was die Zuständigen bei seiner Bank über ihn und seine Kontobewegungen denken.

Da wir niemals von der Außenwelt losgelöst sein werden, gilt es unser Selbstbild mit jenen Bildern, die unsere Mitmenschen von uns haben, in Einklang zu bringen. Auch wenn das irritiert oder wehtut, bleibt jeder dazu fähig. Gerade unsere gesündesten Erkenntnisse zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie uns anfangs wurmen und dass wir sie überhaupt nicht wahrhaben wollen. Hier ist es nicht anders: denn egal wie genau wir uns selbst kennen und egal wie viele unserer innersten Vorgänge uns bewusst sind, egal wie lange wir über dies und das nachgedacht, egal wie tief und wie reif wir uns bei der Seelenschau empfunden haben, im Endeffekt gilt:

Du selbst hast nicht das beste Bild von dir. Du selbst hast nur einen kleinen Blickwinkel auf dich. Um aber den ganzen Diamanten deiner Persönlichkeit zu erkennen, benötigst du andere Perspektiven auf dich. Über diese verfügen jene, die dich täglich sehen und hören, die dich lange Zeit kennen, die das meiste über deine Beziehungen und über deine Umgebung wissen. Statt unser fixes Selbstbild also mit noch mehr Hammerschlägen in unsere Fantasie zu nageln, sollten wir demnach nicht nur auf uns selbst und eben nicht nur auf unser Herz hören, sondern Menschen fragen, denen wir am Herzen liegen, aber auch solche, die nicht emotional mit uns verbunden sind. Apropos: Warum nicht auch mal mit jenen über unsere heikelsten Themen reden, vor denen wir die heiklen Themen ansonsten mit Absicht verschweigen? Schließlich sieht jeder andere etwas von uns, was unserem eigenen Blickwinkel versperrt bleibt.

Unglückliche Menschen haben ein verschobenes Selbstbild, sagt man. Sie reden anders als sie fühlen. Sie fühlen anders als sie handeln. Sie wollen etwas anderes als sie wünschen, und oft suchen sie ihr Glück noch immer in Personen, Dingen oder Projekten, unter denen sie schon zu lange Zeit leiden. Sie fühlen sich verkannt. Bei überaus glücklichen Menschen habe ich aber die umgekehrte Beobachtung gemacht: Ihr Selbstbild deckt sich mit jenen Bildern, die andere von ihnen haben. Die Glücklichsten schätzen nicht nur ihre Mitmenschen; sie werden von ihren Mitmenschen auch als die (ein)geschätzt, die sie wirklich sind.

Ich hoffe, dass auch jeder von uns diese Bildbalance eines Tages erreichen wird. Vielleicht ist ja der erste Schritt dorthin, sich für Blickwinkel zu öffnen, die uns bislang absurd erschienen sind.

Herzlichst,

Patrick Worsch