MACHT – Teil 3

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III.

Man kann sich denken, wie sich diese Nachricht auf meine Stimmung auswirkte. Zuerst hielt ich sie für einen Scherz, aber Furchius zitierte die Argumente und Kampfparolen des Volkes. Ich verbot ihm den Mund. Nachdenklich irrte ich durch mein Schlafgemach und sah in die krebsroten Gesichter meiner Lakaien. Mein Zehenfeiler Kriechiphos zuckte mit den Augenlidern; das tat er nur, wenn er sich fürchtete. Plötzlich drangen Schreie in den Palast. Ich schickte Kriechiphos zum Fenster. Er guckte hinaus und schlug sich die Hände vor den Mund. Auch ich bückte mich und schlich zur Scheibe, starrte hinab zum goldenen Gitter, das meinen Palast umrandete. In der Tat, da surrte sie, die aufgehetzte Meute. Es waren tausende, bemalt mit Blut und Dreck, bewaffnet mit Messern und Beilen und spitzen Steinen. Sogar Kinder zielten mit Pfeil und Bogen. Am Gitter hievten sie sich schon mit Räuberleitern empor und schrien Schlachtgesänge: »Keine Hoffnung und kein Brot, König Satan du bist tot!«

Meine Gefolgschaft keuchte und diskutierte. Ich verteilte die Schuld. Die Hysterie erhitzte den Raum. Nur Furchius, mein engster Berater, schien ruhig, beinahe gelassen.

»Hochwohlgeborene Exzellenz«, sagte er, »am besten sehe ich am Tor nach dem Rechten. Die Leibgarde Eurer Majestät, versteht sich, wird den Pöbel zurückdrängen.«

»Warte Furchius!«, rief ich, doch er war schon verschwunden.

Trotz der Warnungen von Nagelfeiler Kriechiphos und Toilettengehilfe Grindius, trat ich auf den Balkon, um mich den Egoistern zu zeigen. Ich gestikulierte mit dämpfenden Handbewegungen und heuchelte Ruhe. Ehe ich etwas ausrief, zerplatzte schon ein Ei auf meiner Schulter. Als man mich wieder hineinzog, erhaschte ich einen letzten Blick zum Tor. Aber was sah ich dort? Furchius, niemand anderer als dieser kleine Bastard Furchius, öffnete ihnen das Tor. Das Rebellenrudel zwängte sich durch und grölte vor geiler Wut, indessen meine Palastwache ohne Widerstand zur Seite wich.

Wir flüchteten. Ein paar Leibwachen, Kammerdiener und meine kreischende Mätresse Niniphelia begleiteten mich in die Katakomben. Wir gelangten in ein Labyrinth aus Geheimgängen. Wir wateten in die Dunkelheit, die Ratten mehrten sich.

»Majestät, beeilt Euch«, rief Kriechiphos.

»Was erlauben sich die Stinktiere?«, rief ich.

»Furchius denkt, er sei ein größerer König als Ihr. Dieser Zwerg war es, der euch verriet!«

»Woher weißt du das?«, schrie ich, stoppte und ließ diesen verräterischen Diener mitten im Rattenkot erdolchen.

Zwei Kurven weiter sahen wir Licht.

Ich kroch als erster durch die Luke und erstarrte. Man erwartete mich bereits. Gut hundert Rebellen kesselten mich ein. Ebenso viele Sperrspitzen zielten auf meinen Kopf. Alle grinsten. Ich duckte mich und wollte zurück in die Katakomben, aber sie packten mich an allen vier Gliedmaßen, warfen mich auf den Waldboden und schlugen mit den Beilen auf mich ein. Aber scheinbar wollten sie, dass ich weiterlebte. Ein Kommando verbot, mich länger zu schlagen. Stattdessen wurde ich gefesselt und geknebelt; meine Augen verbanden sie mit einem stinkenden Tuch.

Lange hörte ich viel, spürte aber nur Schmerzen aufgrund der Schläge. Sie beglückwünschten sich und beschimpften mich, mehr nicht. Kaum gab man mir die Sicht zurück, wurde ich wieder zu Boden gestoßen. Nach einiger Zeit erkannte ich Konturen. Ich war in einem Verließ, Rost an den Gittern, der Boden aus Schlamm. Es stank nach verfaultem Obst und Verwesung. Meine Haut war blau und geschwollen, mein Schienbeinknochen lag frei. Und mein Gesicht, das sich in einer Pfütze spiegelte, glich dem Werk eines besoffenen Bildhauers. Zwei Seitenzähne tropften hinein.

»Ihr undankbaren Fratzen!«, schrie ich mit der Hand auf der Backe, »ich bin euer König! Ich herrsche über alles, was ihr kennt! Lasst mich frei, oder ich töte eure Frauen! Eure Freunde töte ich! Eure Diener, Sklaven und Schuldner töte ich! Eure Kinder lasse ich vor euren Augen aufspießen!«

Nichts geschah. Nur höhnisches Gelächter drang aus der Ferne in meine Zelle. Ob es meinen Worten galt, wusste ich nicht.

Erst Stunden später hörte ich Schritte. Im schwachen Schimmer, der durch die Mauerritzen drang, erkannte ich auf den Treppen Sandalen.

»Wer bist du?«, rief ich, als sich der Fremdling näherte. Ich schlitzte meine Augen, doch seine obere Körperhälfte blieb im Schatten. »Furchius, bist du es, du elendiger Judas?« Stille. Indessen erkannte ich, dass es nicht Furchius sein konnte. Vieles hatte ich den Egoistern gezeigt, aber es gab mit Sicherheit noch keine Schönheitschirurgie, und Furchius hatte ja verformte X-Beine. Dieses Paar war aber wohlgeformt und auch nicht so behaart.

»Erkennst du mich?«, sagte die Stimme und ein Männerkopf tauchte ins Licht. »Bei unserer ersten Begegnung hatte ich noch keinen Namen, nun aber nennt man mich Dreistius.«

Wer war er? Ich sah in ihm nur einen beliebigen Verräter, der demnächst mit seinem Leben büßen würde.

»Sieh mich an und erinnere dich«, sagte er.

Da erkannte ich ihn. Schock. Was machte der hier? Vor mir stand kein anderer als jener Mann, der mich bei meiner Ankunft auf diesem Planeten auf der Wiese empfangen hatte – mit offenen Armen. Er hatte mich seiner Gemeinschaft als Bruder vorgestellt, hatte mich in seinem Haus übernachten lassen, dieser Mensch hatte mir alles gezeigt, meinen Hunger und meinen Durst gestillt. Ich erbleichte.

»Du hast Elend und Schande über uns gebracht«, sagte er. »Bevor du ankamst, lebten wir friedlich und genügsam. Wir waren fromm und hilfsbereit, hörst du. Erst du lehrtest uns das Böse. Wegen dir streben wir nach mehr und noch mehr, wegen dir hassen und neiden wir, wegen dir existiert die Eitelkeit. Sieh, was du aus uns gemacht hast.«

»Das war nicht ich«, rief ich. »Ihr habt euch das selbst angetan, ihr allein! Ich.. ich habe euch bloß geholfen!«

»Hilfe, mein Freund, sieht anders aus. Hilfe erzeugt keine Klassen und keine Armut, sie beschert einem weder Krieg noch Mord, und schon gar nicht kennt Hilfe die Gewalt, wie du sie einsetztest, um uns für deine menschlichen Zwecke zu benutzen. Du hast uns vermenschlicht, hörst du, aus Heiligen machtest du Bestien, und deinetwegen werden wir nie wieder so leben können wie zuvor. Unsere Körper hast du geschunden, unsere Schwestern und Brüder verbrannt, hast unsere Hirne mit deinen dunklen Gedanken vergiftet. Und nun brauchen sogar wir Gewalt, um dich heute Abend für deine Taten endlich zu bestrafen.«

»Wie kannst du dich erdreisten!«, schrie ich. »Ich bin dein König!«

Dreistius schüttelte den Kopf.

»Du bist gar nichts«, sagte er, »kein König, kein Bruder und kein Freund.«

Weiteres Geschrei überhörte er. Er ließ mich allein. Viele Stunden wand ich mich vor Schmerzen im Schlamm, bettelte um Gnade und erschrak bei jedem Blick in die Pfütze vor meinem Spiegelbild. Weinen wollte ich, aber das gelang mir nicht. Denn zum Weinen war ich bereits zu hochmütig, zu stolz. Vielmehr kreischte ich Wörter wie Schmach und Verrat, verfluchte Gott und das Universum, und ich verfluchte Furchius, den mir meine Fantasie schon als neuen Herrscher mit Schwert, Umhang und Krone auf meinen Thron setzte.

Schließlich sank ich zusammen und winselte nur noch. Der Schlaf dauerte nur wenige Minuten. Plötzlich Schritte. Diesmal von vielen Füßen. Meine Zelle wurde aufgesperrt. Maskierte Männer traten ein. Sie packten mich ohne Worte, hoben mich auf, drückten mich mit der Wange gegen die Mauer, fesselten und knebelten mich. Wieder stülpten sie das Tuch über meine Augen. Dann kickten sie mich aus der Zelle, die Treppen empor, auf einen langen Pfad der Stille. Nichts als Schritte und Atmung.

Aus der Ferne erklang Trommelwirbel. Ich hörte Gekreische, bald filterte ich einzelne Worte aus dem Chor. Wüste Beschimpfungen waren das, die man von allen Seiten auf mich schleuderte. Etwas Hartes, vermutlich ein spitzer Stein, traf mich an der Stirn. Ich jaulte und fiel hin, wurde im nächsten Moment unter den Achseln gepackt und hochgerissen. Wiederum Treppen, dieses Mal hölzern, knarrend, nach oben führend. Ich wurde an etwas festgekettet. Ein Schlüssel klirrte. Man entfernte mir die Augenbinde.

»Foltert ihn!«, schrien die Egoister. »Verstümmelt ihn, bratet diesen Bastard wie ein Huhn!«

Eine Menge, breiter als mein Blickfeld, starrte mit weit aufgerissenen Augen zu mir. Ein Meer der Fratzen. Geballte Fäuste, Spott, lächelnde Lippen. Sie drängten sich vor, um mich anzuspucken. Ich befand mich auf einem Podest. Man hatte mich an einen Pfahl gefesselt, der in einem Kreis aus Gehölz stand. Die vermummte Gestalt auf der Treppe wartete mit einer Fackel in der Hand. Das war mein Henker, und ich war am Scheiterhaufen.

Doch bevor sie die Flammen auf mich losließen, wurde ich zum Aufwärmen gesteinigt. Mein Kopf wich aus und verrenkte sich dabei. Die Steine trafen mich trotzdem. Zumindest empfand ich ein Quäntchen Genugtuung, als ich neben mir weitere Scheiterhaufen entdeckte. Links und rechts von mir reihten sie sich auf wie Fleischspieße am Grill. Ich erkannte sogar die anderen Todeskandidaten. Allesamt waren Vertraute und Wohlbekannte. Zu meiner Rechten mein Nagelfeiler Kriechiphos, das Haupt gesenkt, die Stirn zuckend, ein lebender Leichnam. Neben ihm Niniphelia, die hochmütigste meiner Mätressen, die in ihrer Arroganz anderen eine noch größere Arroganz vorgeworfen hatte, eine selbständige Selbstdarstellerin mit verschobenem Selbstbild, im Schönheitswahn, eine Frau, die aus Eifersucht zwei hübschere Kammerzofen vergiftet hatte. Was mich aber erstaunte, das war der Scheiterhaufen zu meiner linken. An ihm wand sich Furchius. Aufgrund seiner Zwergengestalt war sein Pfahl höher, ansonsten hätte man ihn gar nicht entdeckt hinter dem Holz. Dreistius hatte ihn wohl überlistet. Unter allen Gefangenen war Furchius der lauteste. Noch weibisch schriller als sonst jammerte er um sein wertvolles Leben. »Welch Genie, welch Genie geht mit mir zugrunde!«, schrie er, während die Steine seine X-Beine trafen.

Dreistius trat vor die Menge. Alle schwiegen, wie eine Sekte vor der Opfergabe.

»Hört her«¸ rief er, »vor euch seht ihr jene Bestien, die unseren Planeten mit Seuchen, Gewalt und ihrem Egoismus verkommen ließen. Allen voran der ehemalige Bekehrer und Herrscher, der unsere Unschuld ausnutzte, um Macht über uns zu gewinnen. Fortan erwähnen wir ihn nie wieder.« Die Egoister jubelten und weinten vor Freude. »Liebes Volk«, fuhr Dreistius fort, »wir haben diese Verbrecher gestürzt, und nun wollen wir sie bestrafen. Der Wille Gottes, unseres Herren, soll nun an ihnen verrichtet werden!« Alle bekreuzigten sich und riefen: »Amen!« Von wem hatten sie das bloß gelernt?

Dreistius verlas die Todesurteile. Völkermord, normaler Mord, Betrug, Sklaverei, Blasphemie und dutzende Verbrechen gegen die universale Gemeinschaft wurden mir vorgeworfen. Furchius wurde zudem wegen Münzenfälschung, Freiheitsberaubung, Possenreißen, Schmeichelei, dem maßlosen Streben nach dem eigenen Vorteil und wegen Sodomie zur Rechenschaft gezogen.

Jeden Vorwurf begleitete Jubel, was die Angelegenheit um eine gute Stunde verzögerte. »Wir vertrauten deiner Masche, bald bleibt nichts von dir als Asche!«, posaunten sie. Und da empfand ich zum ersten Mal Reue. Was hatte ich getan? Sie hatten Recht. In der Tat, ich war Lucifer, ein Unwesen, das mir nichts dir nichts eine Gemeinschaft gemein gemacht hatte, verteufelt hatte ich diese Wesen. Ich war das Böse. Ich war ein Massenmörder. Ein Tyrann. Ein wahrer Egoist, eben ein Mensch. Ich verdiente den Tod. Wieder wollte ich weinen, aber dazu war ich schon zu schwach.

»Verbrennt sie!«, rief Dreistius.

Synchron traten die Fackelträger zu den Richtplätzen, streckten die Arme und setzten das Gehölz in Brand. Nur meines hatten sie, wie absichtlich, nicht mit derselben Flüssigkeit eingeölt. Ihnen lag wohl viel daran, dass der Obergauner zuerst zusehen musste, ehe sie ihm den eigenen Tod zugestanden. Und wahrlich, es wurde ein schreckliches Spektakel. Alle husteten und kreischten, rosa Fleisch schwärzte sich. Man wusste nicht, ob sie verbrannten oder erstickten. Am schlimmsten schienen die Qualen des Furchius. Schon als die Flammen seine Sohlen kitzelten, schrie er schriller als hysterische Frauen, die Aufmerksamkeit benötigen.

Ich schloss ab mit meinem Leben. Der Tod war eine faire Lösung für meine Vergehen. Oh wie jämmerlich, wieder begann ich zu beten, obwohl ich während meines Lebens auf der Erde niemals an Gott geglaubt hatte. Aber da berührten mich bereits die ersten Zacken. Ich hörte meine Haut knistern und das Publikum grölen. Die Eltern nahmen ihre Kinder auf die Schultern, und die Kinder lachten und klatschten. Ich dachte an Hitler, der rechtzeitig Selbstmord beging. Sogar beim Sterben ein Verbrecher! Bald sah ich zu meinen Beinen, die sich zersetzten und schwärzten, wie das Feuer meine Kniegelenkte entblößte und die Oberschenkel Zentimeter für Zentimeter verkohlten. Ich flehte um Ohnmacht, blieb aber bei Bewusstsein und schnappte nach den letzten Bläschen Sauerstoff. Die Meute war von mir belustigt.

Als die Flammen meinen Hals erfassten, dachte ich: ›Sterben heißt also nicht zu sterben!‹ Ein rubinroter Zacken streifte mein Kinn und fuhr in meine Augen. Alles wurde schwarz. Ich fiel in dieselbe Dunkelheit, die ich von meinem Sturz ins schwarze Loch kannte.

Dann bin ich aufgewacht. Über mir wackelte noch der Laternenmast.