Über die Güte

Wien, am 20.12.2019

Das Wort »Güte« stammt augenscheinlich von »gut«. Was aber ist gut? Durch Argumente und Wertungen lässt es sich nicht ermitteln. Eine wahre Antwort darauf, was wirklich gut ist, erhalte ich nur von meinem Herzen. Wer gut handelt, erfährt dadurch Unbeschwertheit; wir ehren und lieben gütige Menschen, und wer gütig ist, der wird – vor allen Dingen – froh.

Das Wort »froh« ist weder mit Macht noch mit Ansehen verwandt; vielmehr mit der »Freude«, die in der Freundschaft und in der Freundlichkeit wohnt. Um herauszufinden, was uns froh macht, benötigen wir Beispiele, und suchen wir gewissenhaft nach ihnen, so landen wir bald bei Worten und Taten, mit denen wir unseren Mitmenschen helfen. Bei Handlungen, mit denen wir anderen eine Freude bereiten. Ganz gleich ob das Geschenk, das Kompliment oder der kleine Dienst: wer selbst froh sein will, macht andere froh.

Viele Menschen leben aber nicht miteinander wie Freunde, sondern gegeneinander wie Rivalen. Richtig, wir leben gegeneinander. Wer hat mehr Follower? Wer fährt teurer in den Urlaub? Welcher Schmuck funkelt heller? Welches Baby lächelt süßer? Wer hat den reicheren Mann, die schönere Frau? Wer ist bei irgendetwas der erste? – Durch die ständige Konkurrenz, die wir zu anderen Menschen aufbauen, erzeugen wir uns aber Stress, der unserem Körper nachhaltig schadet. Indem wir unsere Erwartungen unaufhörlich an neue Wünsche fesseln, legen wir unseren Geist in Ketten. Vor allem aber schadet das Vergleichsdenken unserer Fähigkeit zur Güte.

Der stetige Gegner der Güte ist das Ego. Es handelt und denkt für sich, für andere ist aber die Güte da. Während das Ego glaubt, sich zu erfreuen, wenn es mehr bekommt als jeder andere, begnügt sich die Güte damit, weniger zu wollen, anderen aber mehr zu geben. Güte bedeutet, weich und uneigennützig zu denken. Güte bedeutet, die Sicht und Situation des anderen nicht nur zu verstehen, sondern auch in die eigenen Entscheidungen miteinzubeziehen. Güte bedeutet, gewaltlos und friedlich zu bleiben, sanft zu blicken, zart zu sprechen und auch einmal zu schweigen, um anderen nicht zu schaden. Wer anderen nicht schadet, hilft sich selbst, und wer sich selbst hilft, hilft allen dadurch am besten.

Das zu beherrschen, dauert und es kostet Kraft, Geduld, mitunter sogar Beziehungen. Doch nur wer es schafft, seine ichbezogenen Gedanken und Gefühle umzuwandeln, kann gütig werden. Wahre Güte zeigt sich zwar nach außen, wird aber nur im Inneren bestätigt. Ich kann zehn Millionen Euro, drei Häuser, vier Ferraris, acht Firmen und fünfzehn Freundinnen haben: solange ich nicht gütig bin, werde ich damit nicht zufrieden sein. Jede neue Errungenschaft wird mich nur daran erinnern, dass es noch mehr zu holen und noch mehr zu verdienen gibt. Ich werde immer mehr Tabus brechen, um mich mit immer egoistischeren Menschen zu messen. Nach außen werde ich vielleicht erfolgreich erscheinen, innerlich werde ich aber betäubter, verlogener und immer ärmer. Je mehr ich meinen persönlichen Erfolg voranstelle, desto mehr Zeit wird mir für Güte fehlen.

Machen wir genau deshalb die Güte zu unserer obersten Regel. Ich will mein Ego in Güte verwandeln, das ist ein Credo fürs Glück. Was erfüllt uns schließlich mit mehr Frieden, als jemanden zu unterstützen? Wie viel Freude erfahren wir bereits, wenn wir einem anderen wieder auf die Beine helfen? Wie viel betrübter bleiben wir aber, wenn wir es anderen zeigen wollen? Wie depressiv stimmt es uns notwendig, wenn wir uns stetig in neue Erwartungen verstricken (lassen), die uns höchstens Äußerlichkeiten verschaffen können? Selbst wenn unsere äußerlichen Wünsche wahr werden, haben wir kaum Freude daran, weil es uns so viel Zeit und Energie gekostet hat, sie zu erfüllen, noch mehr aber, weil unser Ego bald schon wieder hungrig wird.

Güte ist die beste Antwort auf alles. Das weiß ich von meiner Oma.

 

Herzlichst,

Patrick Worsch