Über die Freude

Wien, 21.12.2018

Es fällt jedem leicht, sich zu ärgern. Dazu genügt schon ein Fleck an der Wand oder eine kleine Kränkung, die sitzt. Selbst an einem schönen Tag, der mit einem Lob vom Chef begann, reicht ein schnippischer Kommentar von einem frustrierten Kollegen oder einem Verwandten, um uns von der Wolke der Wonne direkt ins Tal des Trübsinns zu stürzen. Sicher, manche überlächeln den Zorn gekonnter als andere. Hinter der Maske zwickt es dennoch. Ha, und wenn es doch nur Aussagen wären! Bekanntlich ärgern wir uns ja auch darüber, was andere machen oder nicht machen, dass die Sonne nicht scheint oder dass sie uns ins Gesicht scheint, dass andere etwas erreicht haben, was wir verdient hätten, dass wir aber viel mehr verdienen, als die anderen uns erreichen lassen. Die Radfahrer regen uns auf. Freunde, die sich absichtlich nicht für uns freuen, verderben uns den Spaß. Ja, manchmal ärgern wir uns auch über Leute, die uns im Traum geärgert haben. Und wenn wir ehrlich sind, wir Fantasievollen, dann ärgern uns sogar Dinge, die noch nicht einmal eingetroffen sind. Unserem Körper ist dabei übrigens egal, ob der Seelenschmerz sich auf ein reales Ereignis bezieht oder von uns zurecht gegrübelt wurde, damit wir uns weiter ärgern können. Unser Körper ärgert sich in beiden Fällen gleich. Und in beiden Fällen wehrt er sich gegen den Ärger notwendig mit Schmerz und Unlust, ganz gleich ob mit Magenkrampf oder der Einschlafstörung.

Sich nicht zu ärgern, ist ein Anfang, glücklich werden wir aber erst, wenn wir uns freuen können wie ein Kind. Wer aber darf sich heute noch so freuen? Nicht mal mehr die Kinder selbst? – Du hast ein Sehr Gut auf die Englisch-Schularbeit? Well done! Aber nächste Woche ist schon Mathe. Freu dich nicht zu viel und schau gefälligst, dass jetzt nicht der Schlendrian bei dir einkehrt. – Du hast deinen Bachelor geschafft? Großartig, aber heutzutage ist jeder zweite Bachelor, und zwar mit 23. Und mit 25 ist jeder dritte Master. Also, verlier nicht noch mehr Zeit mit Feiern und Nichtstun! – Heute ist Sonntag, und du bist euphorisch, weil du gleich deine Familie triffst? Am liebsten würdest du sie umarmen und herzen und dich vor Lachen verausgaben? Kommt überhaupt nicht in Frage. Morgen ist Montag und du benötigst die Energie für die Arbeit. Wichtige Meetings stehen an!  Wenn du hier zu ausgelassen bist, fehlt dir morgen die Konzentration, du bringst keine Leistung, wirst gemahnt und musst dich in weiterer Folge doppelt anstrengen, um am Ende nicht gekündigt zu werden.

Wie, liebe Leser, wie konnte es so weit kommen? Wann haben wir eigentlich verlernt, uns von Herzen zu freuen? Natürlich, es ist klar: wenn wir ohne Sinn für Konsequenzen und mit einem Hass gegen Wenn-Dann-Sätze durch die Welt hüpfen, dann werden wir bestimmt zu viele harte Stürze erleben. Wenn wir aber andererseits niemals stürzen, weil wir aus Misstrauen und Vorsicht niemals losgegangen sind, nun, dann werden wir bald in einer völlig freudlosen Sicherheit panisch werden.

Freude ist mehr als nur ein Lächeln. Sie kostet uns nichts und verschafft uns alles. Sie lässt uns altwerden, und die Wut lässt sie gleichsam alt aussehen. Die Menschen klingen lieber, das Essen duftet besser, wenn wir uns freuen. Die Freude an sich verschafft uns bereits ein Hochgefühl, sich für andere zu freuen, ist aber das beste Geschäft für den Körper. Die Freude verdoppelt, verdreifacht sich dann, und außerdem, das wusste bereits Nietzsche, macht nicht Mitleid, sondern erst Mitfreude einen echten Freund.

Sobald wir wagen, das Licht in uns zu leben, wird der Körper uns mit ganz vielen lustigen Botenstoffen versorgen, die uns hübsch und gesund sein lassen. Das Beste ist aber: sobald wir uns freuen, freut das alle, die uns liebhaben. Unser Sonnenschein wird Freund und Freundesfreund, unsere Familie und sogar Fremde anstecken und lächeln lassen. Hasser, die uns beschimpfen, uns schlechtmachen und die sich sogar selbst schaden würden, damit sie uns das kleinste Übel bereiten, die werden auch weiterhin aus dem Boden schlüpfen, wohin wir auch flüchten. Selbst diese Damen und Herren regen wir aber zum Nach- und Umdenken an, wenn wir ihren Ärger nur mit Freude beantworten.

Also, lieber Leser, auch du darfst dich freuen! Auf Weihnachten. Auf deine Zukunft. Über dich. Und ohne Grund – einfach so 🙂

In diesem Sinne wünsche ich dir ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Herzlichst,

Patrick Worsch